Felicitas von Aretin
Elisabeth Sandmann-Verlag / Suhrkamp, Frühjahr 2027
300 Seiten
Gebundene Ausgabe
26 €
Zur LeseprobeDieses Foto hat mich nicht mehr losgelassen: Es zeigt eine junge Frau mit Bubikopf im Arztkittel, die medizinische Instrumente in ihrem Medizinschrank sucht.
Die Breslauerin Edith Peritz führte in Berlin in den zwanziger Jahren eine große Praxis für Schönheitschirurgie – und war doch, als ich das Foto fand, vollkommen unbekannt. 1930 gründete die Chirurgin den ersten deutschen Soroptimisten-Club, ein weltweittätiges Netzwerk berufstätiger Frauen: Die berühmte Schauspielerin Tilla Durieux war ebenso Mitglied wie die erste preußische Rechtsanwältin Margarete Berent oder die bekannte Fotografin Lotte Jacobi, die Edith Peritz in ihrer Praxis aufnahm.
Jeder Name, der im Umkreis der Schönheitschirurgin auftauchte, eröffnete mir eine neue Spur: Der Arzt Ernst Unger erwies sich als kongenialer Förderer, der der jungen Chirurgin die gleichen Chancen einräumte wie ihren Kollegen. Die Pariser Schönheitschirurgin Suzanne Noël führte die Deutsche in die Kunst der ästhetischen Chirurgie ein und machte sie mit Künstlerinnen wie Annot Jacobi bekannt.
Wirklich aufregend wurde es für mich, als ich den Großneffen von Edith Peritz ausfindig machte, den Antwerpener Schriftsteller Joseph Pearce. Außerdem entdeckte ich Originalbriefe ihrer zahlreichen Tanten, Onkel und Cousinen online im texanischen Archiv der bekannten Familie Kempner.
Irgendwann war klar: Diese Geschichte ist so spannend, dass ich sie erzählen möchte. Und zwar als Spurensuche nach einer Vergessenen in Breslau, Paris, Berlin und New York. Um Edith Peritz herum, eine weitverzweigte jüdische Großfamilie, deren Schicksale sich mit der dramatischen Geschichte Europas und Amerikas verbinden.
Was mich als Wissenschaftsjournalistin besonders freut: Zugleich lässt sich der Wandel des Schönheitsgefühls und des Körperbewusstseins erzählen wie die Geschichte der ästhetischen Chirurgie in Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten.
Ich könnte nicht über die Person Edith Peritz schreiben, wenn ich nicht ihren Mut, ihre Durchsetzungskraft, ihre Güte und ihren Weg zum Weltbürgertum bewundern würde. Gerade in Zeiten wachsenden Extremismus ist ihre Geschichte ein mahnendes Beispiel dafür, was passiert, wenn Demokratien kippen.