Felicitas von Aretin
Herder, November 2022
272 Seiten
Gebunden mit Schutzumschlag
28 €
Zur LeseprobeWie alle saß ich während Corona im Lockdown fest und dachte über Menschen nach, die freiwillig ihr Leben an einem Ort verbringen. Während ich unter dem „Eingesperrt Sein “ litt, leben besonders benediktinisch geprägte Ordensleute nach diesem Prinzip. Ich wollte verstehen, warum. Also besuchte ich dank eines Stipendiums buddhistische und christliche Frauenklöster – sobald die Vorschriften gelockert wurden. Dabei war ich von mir überrascht: Denn während meiner Mainzer Schulzeit hatte ich mit Schwestern hinlänglich schlechte Erfahrungen gemacht.
Vor allem katholische wie evangelische Klöster leiden im deutschsprachigen Raum unter Nachwuchsmangel, während buddhistische und orthodoxe Nonnen langsam Fuß fassen. Ich konzentrierte mich auf Gemeinschaften, die innovative Wege fanden, der Klosterkrise zu trotzen, Lösungen für gesellschaftsrelevante Fragen suchten. Besonders beeindruckte mich die Heiterkeit der Karmelitin Elija Bossler, die auf dem Gelände des ehemaligen KZ lebte und lange als Fotografin Überlebende porträtierte. Oder die evangelische Äbtissin Eva von Westerholt, die es sich als ehemalige Finanzmanagerin zur Aufgabe gemacht hatte, ein niedersächsisches Damenstift für junge Menschen verstehbar zu machen. Oder die buddhistische Nonne Ayya Phalanyani, die ausgerechnet im katholischen Allgäu einem florierenden Kloster vorsteht.
Während meiner Besuche legte ich manches, liebgewonnene Vorurteil ab. Ich erlebte, wie Klöster als „Andersorte“ Menschen anziehen, die Gemeinschaft, eine Tagesstruktur, Halt in einer modernen Spiritualität suchen. Mir selbst taten die Ruhe, die Kunst, das Ankommen, die tiefen Gespräche über Gott und die Welt gut.
Mit der Zeit wurden Klöster für mich Orte, die gesellschaftlich wichtig sein können – wenn sie es verstehen, auf die Menschen zuzugehen, statt sie zu belehren.